
Fünf Jahre sind im Onlinehandel eine halbe Ewigkeit. Technologien, Plattformen und Kundenerwartungen verändern sich in einem Tempo, das Branchen oder gleich ganze Märkte in kürzester Zeit umkrempeln kann. Wer 2019 den Blick auf die Marktlandschaft warf, hätte wohl kaum vorhergesagt, dass Plattformen wie Temu oder TikTok Shop in so kurzer Zeit global zu relevanten Playern aufsteigen würden. Ebenso wenig hätte man ahnen können, welche Dynamik Marktplätze oder KI-gestützte Shoppinglösungen entfalten würden.
Auf der K5 Konferenz gab Jochen Krisch – Branchenanalyst, E-Commerce-Experte und Herausgeber von Exciting Commerce – auch 2025 einen pointierten Überblick über die Entwicklung der letzten Jahre und wagte einen Ausblick auf die kommenden fünf. Seine Kernbotschaft: Die entscheidenden Verschiebungen passieren oft dort, wo wir heute noch nicht hinschauen.
In den frühen Jahren – und verstärkt während der Corona-Hochphase – galt Umsatzwachstum als der zentrale Erfolgsindikator. Börsennotierte HändlerInnen und Plattformen wurden vor allem daran gemessen, wie schnell sie ihre Topline steigern konnten.
„Seit dem Niedergang zählt vor allem das Ergebnis“, wie Jochen erklärte. Die letzten Jahre haben einen Paradigmenwechsel erzwungen: Der Markt ist reifer, InvestorInnen achten stärker auf Profitabilität, und die Zeit des „Wachse um jeden Preis“ scheint vorerst vorbei.
Der GLORE-Fonds, den Jochen als Referenz nutzt, macht diese Berg- und Talfahrt sichtbar: Nach dem Höhenflug folgte eine deutliche Korrektur, aber auch eine Phase, in der sich die Spreu vom Weizen trennte.
Ein Blick auf die Marktführer zeigt, wie unterschiedlich Unternehmen die vergangenen Jahre genutzt haben. Amazon bleibt dabei der unangefochtene Maßstab, sowohl im Handels- als auch im Marktplatzgeschäft.
Spannend sind auch die Beispiele abseits der ganz großen Player: Bergfreunde konnte den Umsatz um das 2,8-Fache steigern und zeigt, dass Nische und Fokussierung große Wirkung entfalten können. Galaxus aus der Schweiz erreichte einen Faktor von 2,9 und hat sich klar auf Expansionskurs nach Deutschland und Europa begeben.
Jochens Fazit: „Wer sich verdoppelt hat, ist gut mit dabei, wer sich verdreifacht hat und mehr natürlich (...) im Spitzenfeld.”
Noch dynamischer und mitunter nervenaufreibender als der klassische Onlinehandel (Stichwort Quick Commerce) entwickelte sich in den letzten Jahren die Food & Delivery Branche. Hier wurden Wachstumsraten erzielt, die selbst im E-Commerce selten sind:
Besonders bemerkenswert ist der Blick auf die Ausgangsbasis: Vor fünf Jahren lagen viele dieser Unternehmen bei weniger als 10 Milliarden GMV, heute bewegen sie sich in Richtung 100 Milliarden. Das spiegelt sich, wie Jochen klarmacht, auch in den sehr wachstumsstarken und dynamischen Strategien dieser Player wider.
Video-Tipp
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Auch außerhalb von Food & Delivery gab es in den letzten Jahren Aufsteiger, die in Rekordzeit enorme Marktanteile eroberten. Einige dieser Namen waren 2019 noch völlig unbekannt:
Jochen betont: „Wir können heute noch nicht wissen, was wir in 5 Jahren haben, genauso wenig wie wir vor 5 Jahren wussten, mit welchen Playern wir uns letztendlich befassen.”
Viele der aktuellen Marktplatzgiganten folgten einem ähnlichen Skalierungspfad: zunächst Reichweite aus einem anderen Geschäftsmodell heraus aufbauen, HändlerInnen in der Startphase attraktive Konditionen bieten und erst später monetarisieren.
Diese Beispiele zeigen: Mit der richtigen Ausgangs-Reichweite und cleverem Timing in der Monetarisierung (Finger weg vom Holzhammer), kann sich ein Marktplatz in wenigen Jahren von Null zu einem Milliardenunternehmen entwickeln.
Für die kommenden Jahre sieht Jochen mehrere Quellmärkte für neue Plattformriesen. Potenzial haben vor allem Unternehmen, die bereits heute enorme Reichweite besitzen, diese aber noch nicht konsequent im Handel monetarisieren:
Die entscheidenden Fragen lauten: Braucht es zwingend günstige chinesische Sortimente, um schnell zu skalieren? Oder können sich auch andere USPs – etwa kuratierte Sortimente oder besondere Servicequalität – als nachhaltige Differenzierungsmerkmale auch gegen die jüngeren Milliardenplayer durchsetzen?
Neben der Marktplatzdynamik sieht Jochen in Künstlicher Intelligenz die zweite große Welle, die den Onlinehandel verändern wird (und es bereits tut). Spannend ist dabei nicht nur der Einsatz im Backend, sondern vor allem im direkten Kundenzugang:
Das Ziel: Kaufprozesse so bequem, personalisiert und kontextbezogen gestalten, dass klassische Produktlisten und statische Shopinterfaces in den Hintergrund treten.
Jochen Krischs Bilanz der letzten fünf Jahre lässt sich in drei Lehren verdichten:
Wer diese Trends im Blick behält, flexibel auf neue Plattformen reagiert, nicht vor Angst den Kopf in den Sand steckt und nicht nur auf die bekannten Wettbewerber schaut, hat gute Chancen, 2030 zu den GewinnerInnen zu zählen, ob als Gigant wie Amazon oder als fokussierter Spezialist wie Bergfreunde.

