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Suffizienz-Marketing – Strategie mit Zukunft?

Mai 18, 2021 | Fashion, Home, Marketing, Nachhaltigkeit

Suffizienz-Marketing: Eine Vermarktungsstrategie, die den Kunden dazu anhalten will weniger zu konsumieren. Das klingt für die meisten Unternehmen erstmal paradox. Der Fokus sollte doch auf möglichst hohen Verkaufszahlen und schnellem Wachstum liegen. Deshalb ist dieses Konzept in der Handelsbranche (noch) nicht sehr verbreitet. Dabei wäre eine Umsetzung des Suffizienz-Marketings gerade in Zeiten der Klimakrise wichtig. Es wird bekanntlich viel zu viel produziert, konsumiert und weggeschmissen, was die Umwelt stark belastet. 

 

 

Um dem entgegenzuwirken, müssen nicht nur Käufer*innen nachhaltiger konsumieren, sondern auch Unternehmer*innen umweltbewusster herstellen und handeln. Was schlicht bedeutet, qualitativ hochwertige, langlebige Produkte herzustellen und zu verkaufen. Da Verbraucher*innen sich an den schnellen und günstigen Konsum gewöhnt haben und das wiederum Unternehmen schneller profitabel macht, setzen Händler*innen noch immer auf die altbewährte Strategie. Auch, weil sie durch kurzlebige, günstige Ware weniger Kosten haben.

 

Screenshot von Avocadostore. Zu sehen ist ein Text des Unternehmens, der über Konsumverhaltung bei Kleidung handelt.

Auf der Website vom avocadostore findet man viele Beiträge über nachhaltiges und bewusstes Konsumieren. Das ist eine der Suffizienz-Marketing-Strategien.

avocadostore  – die sinngeleitete Plattform 

 

Man kann jedoch davon ausgehen, dass zukünftig immer mehr Unternehmen auf langlebige Produkte und gemäßigten Konsum setzen werden. Ein Vorreiter des Suffizienz-Marketings ist avocadostore, eine E-Plattform für nachhaltige Marken und Produkte. Die Geschäftsführerin Mimi Sewalski war in der ersten Staffel vom K5 TV zu Gast und erzählte über das Unternehmen. Im Rahmen der vergangenen K5 Earth Week berichteten wir bereits über avocadostore im Hinblick auf Nachhaltigkeit.

 

Heute wollen wir uns mehr auf die Marketingstrategie an sich konzentrieren. Die Plattform nimmt einerseits nur nachhaltige und ökofreundliche Marken auf. Andererseits wirbt sie für mehr Environment Awareness bei den Kund*innen. Darunter fällt auch, dass sie ihre Konsument*innen dazu anregen, weniger zu kaufen. “Wir sagen unseren Kunden auch, nee, kauf mal keine Jeans, reparier’ die lieber”, so Mimi Sewalski im K5 TV. 

 

Eine Grafik von avocadostore mit dem Slogan "We say: buy less, but better!". Daneben ist ein Foto abgebildet, auf dem ein Schild mit der Aufschrift "less new = less CO2" zu sehen ist.

© avocadostore. Suffizienz-Marketing wird oft von nachhaltigen Unternehmen eingesetzt.

Im neunten Jahr zum Break Even

 

Mit diesem Suffizienz-Marketing ist eigentlich anzunehmen, dass sie sich selbst benachteiligen. Wenn man bedenkt, dass avocadostore erst 2019 – neun Jahre nach der Gründung – den Break Even geschafft hat, scheint das auch zu stimmen. Mimi Sewalski fügt hinzu, dass es bei nachhaltigen Unternehmen und Social Business schwieriger sei zu skalieren. Doch bevor man voreilige Schlüsse zieht, muss man berücksichtigen, dass Nachhaltigkeit noch eine reine Nische war und sich nur ein bestimmtes Klientel dafür interessierte. 

 

Das hat sich in den vergangenen Jahren stark geändert. Umweltschutz ist nicht mehr rein eine Angelegenheit der “Ökos”, sondern aller. Die Zielgruppe umfasst mittlerweile die interessierte Journalistin bis hin zum Viertklässler. 

Mimi Sewalski erzählt auch, dass sich das Verhältnis zum Thema Nachhaltigkeit geändert hat. Während man vor ein paar Jahren noch gefragt hat, warum Bio so teuer ist, würde man jetzt hinterfragen, warum herkömmliche Produkte so günstig sind. 

 

 

“Wir sind am Sinn interessiert”

 

Im Vordergrund bei avocadostore steht nicht der reine Profit, sondern ein generelles Umdenken. “Wir sind am Sinn interessiert, bei uns geht’s halt nicht nur um die Verkäufe”, sagt Mimi Sewalski. Mit dem der Suffizienz-Marketing-Strategie wollen sie ihren Kundenkreis zum Um- und Nachdenken motivieren und langfristig einen nachhaltigen Konsum etablieren. Und die wachsenden Umsatzzahlen geben ihrer Strategie recht. Für das vergangene Jahr wurde der Umsatz der verkauften Waren auf 50 Mio. Euro geschätzt. Im Vorjahr 2019 lag der geschätzte GMV bei ca. 30 Mio. Euro.

 

 

Auf dem Foto ist eine Frau von hinten zu sehen. Sie trägt einen dunkelgrünen Sweatshirt der Marke Salzwasser. Auf dem Sweatshirt ist eine weiße Schrift in Form eines Kreises aufgetragen.

© SALZWASSER

SALZWASSER  – Startup mit Mission

 

Auch Startups, wie das Hamburger Unternehmen SALZWASSER, setzen auf das Konzept Suffizienz-Marketing. Die Gründer Jan Majora und Lennart Henze haben sich auf den Verkauf von nachhaltiger und qualitativ hochwertiger Mode spezialisiert, die fair produziert wird. Auch sie folgen einem Social Business Modell bei dem Profit und schneller Wachstum nicht an erster Stelle stehen. Sie fordern ein Umdenken der Erwartungshaltung an Kleidung. So kann es auch schon mal vorkommen, dass ausverkaufte Ware nicht im Nu nachgeliefert wird. 

 

Dafür erhalten die Käufer*innen auf der Website detaillierten Einblick in die Herstellungsabläufe, von der Beschaffung der Baumwolle bis hin zur Lagerstätte. Ebenfalls werden die Fans bei der Produktion miteinbezogen. So können sie mitentscheiden, wie das nächste Kleidungsstück aussehen soll. Damit bildet das Unternehmen nicht nur eine Fanbase und Community, sondern geht auch sicher, dass die hergestellte Ware wirklich gewollt ist und nicht am Kundenkreis vorbei geschneidert wird. Zusätzlich wird pro verkauften Artikel an den gemeinnützigen SALZWASSER e.V. gespendet, der unter anderem zum Schutz der Meere beiträgt. 

 

Ganz dem Suffizienz-Marketing entsprechend, appelliert SALZWASSER im Online-Shop an die potenziellen Kund*innen, ob sie sich bei ihrem Kauf zu 100% sicher sind, ob sie die Artikel im Warenkorb wirklich brauchen. Man sollte denken, dass diese Taktik eher kontraproduktiv ist. Aber die Mission die Bekleidungsindustrie nachhaltiger zu machen, steht im Zentrum.

 

 

Ein Screenshot der Website von Salzwasser. In ihrem Online-Shop hat die Marke einen Banner eingefügt mit der Überschrift "Die 100% Kaufentscheidung". Damit macht Salzwasser auf den bewussten und nachhaltigen Konsum aufmerksam.

Mit dem Hinweis “Die 100% Kaufentscheidung” macht SALZWASSER in ihrem Online-Shop auf bewussten und nachhaltigen Konsum aufmerksam. Ein Merkmal des Suffizienz-Marketings.

Dank Suffizienz-Marketing zum tragbaren Statement

 

Durch diese Suffizienzstrategie wird aber auch bei den Konsument*innen, die bereitwillig in nachhaltige Marken investieren, die Nachfrage gesteigert. Aus einem limitierten, hochwertigen Sweatshirt wird somit schnell auch ein It-Piece – ein tragbares Statement für die umweltbewusste Generation. Das steigert wiederum den Markenwert.

 

Doch nicht nur Nischen-Unternehmen und Startups der Fridays for Future-Generation setzen auf Suffizienz-Marketing. Auch der Global Player Patagonia, der für seine hochwertigen und hochpreisigen Outdoorjacken bekannt ist, folgt der Strategie seit Jahren. 2011 veröffentlichte das Unternehmen zum Black Friday in der New York Times eine Werbeanzeige mit dem Titel “DON’T BUY THIS JACKET” und listete alle negativen Eigenschaften dieser Jacke auf. Das Ergebnis war, dass der Umsatz enorm anstieg. Ähnliches passierte fünf Jahre danach, als der Konzern damit warb, alle Einnahmen an Umweltschutzorganisationen zu spenden. Der Umsatz belief sich auf ca. 10 Mio. Dollar, was viermal höher war, als erwartet. 

 

Strategie mit Zukunft?

 

So nachhaltig und ehrenwert die Strategie des Suffizienz-Marketings auch sein mag, muss sich noch herausstellen, ob sie sich durchsetzen kann und den schnellen, herkömmlichen Weg ablöst. Angesichts des Klimawandels müsste jedoch ein allgemeines Umdenken von Konsum stattfinden. Die Strategien von avocadostore und Co. könnten daher nicht nur Inspirationsquelle für andere Unternehmen sein, sondern auch Maßstab für umweltfreundlichen Handel. 

 

 

 

 

Tipps für mehr Suffizienz im Unternehmen:

 

1. Suffizienz ist nicht Verzicht sondern bewusster Handel + Konsum

→ Verwendung von ressourcenschonenden Produkten, Herstellungsprozessen, Transporten, etc.

→ Produktion von langlebigen Produkten

Viele Kund*innen sind bereit, mehr Geld für bessere Qualität und faire Herstellungsverfahren auszugeben. So kann man als Unternehmen auch mehr in die Herstellung investieren.

 

2. D2C Business mithilfe von Social Media und Plattformen wie avocadostore machen es nachhaltigen Unternehmen leichter, an Reichweite zu gewinnen. So wird das organische Wachstum und der Profit beschleunigt, bleibt jedoch nachhaltig. 

 

3. Nachhaltigkeit ist gleich Suffizienz? Jein. Nachhaltige Unternehmen legen Wert auf faire Produktion und Herstellung. Dadurch ist Wachstum und Profit langsamer als bei herkömmlichen Unternehmen. Mit dem Suffizienz-Marketing bewerben sie aber genau diese nachhaltigen Strukturen und zielen auf den Kundenkreis ab, der die gleichen Werte vertritt. Aber auch jedes andere Unternehmen kann sich diese Strategie zu Eigen machen und den Trend “Nachhaltigkeit” für sich nutzen. Damit können einerseits neue Kundenkreise gewonnen werden, aber auch alte verloren gehen. Zu empfehlen ist, die Marketing-Strategie zu verwenden, die den eigenen Vorstellungen entspricht, sonst könnte schnell das negative Image des “Greenwashings” an einem haften. 

 

4. Die Marketing-Strategien: 

→ Transparenz des Unternehmens. Gewähre den Kund*innen Einblicke hinter die Kulissen. Wie und wo wird produziert? Was wird für die Nachhaltigkeit getan?

→ Kläre Kund*innen über bewusstes Einkaufen auf

→ Biete Tipps zu mehr Nachhaltigkeit an (DIY, Recycle, etc.)

→ Paradox-erscheinende oder brutal ehrliche Kampagnen

 

 

 

Von Lena-Maria Stahl

 

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