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Nina Julie Lepique: femtasy – erotisches Empowerment

Jun 21, 2021 | E-Commerce Insights, Female in Retail, Home

Ein Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau gibt es in vielen Bereichen des Lebens. Es ist zum Beispiel kein Geheimnis, dass in der Gründerszene mehr Männer vertreten sind als Frauen. Das Vorurteil, dass Frauen bei Finanzierungsgesprächen benachteiligt werden, hält sich hartnäckig. Auch deswegen, weil die meisten Investoren selbst überwiegend Männer sind. Zudem würden an weibliche Gründerinnen ganz andere Erwartungen gestellt werden als an ihre männlichen Mitstreiter. So würde laut der Startup Diversity Initiative bei männlichen Foundern die Vision genügen, während Frauen einen ausgeklügelten Businessplan vorweisen müssten.

 

Wenn man in die verschiedenen Branchen hinein blickt, stellt man ebenfalls ein Ungleichgewicht fest. Dass in IT und Tech-Unternehmen weniger Frauen vertreten sind, ist allseits bekannt. In der Erotikbranche, über die eher selten geredet wird, sieht das ganz ähnlich aus. Das mag daran liegen, dass diesem Bereich ein noch eher schmuddeliges Image anhaftet und man dabei an Pornos denkt, die überwiegend von Männern konsumiert werden. 

 

femtasy – “rethinking sexual wellness for women”

 

Das zu ändern, hat sich Nina Julie Lepique mit femtasy vorgenommen. Als weibliche Gründerin mit erfolgreicher Finanzierungsrunde räumt sie nicht nur in der Hinsicht mit Vorurteilen auf, sondern revolutioniert auch noch die Erotikbranche. Ganz nebenbei trägt sie erheblich zum Selbstverständnis der weiblichen Sexualität bei. 

 

Nina Julie Lepique launchte ihr Unternehmen femtasy, eine Streaming-Plattform für erotische Hörspiele für Frauen, im Sommer 2018. Die Idee zur Gründung kam der mittlerweile 28-Jährigen doch schon einige Jahr früher. Nach einem dualen BWL-Studium an der HSBA in Hamburg mit Schwerpunkt digitale Geschäftsmodelle, arbeitete Lepique bei Xing an einem Projekt, in dem es um “Analogien von Business Modellen zwischen Sozialen Netzwerken und Erotikplattformen” ging. Dabei ist sie auf die männerdominierende Erotikbranche, die auch hauptsächlich nur für ihresgleichen produzieren, aufmerksam geworden.

 

Der Mangel an Weiblichkeit und “female centric products”, so Lepique, waren die wesentlichen Impulse für femtasy. Dabei geht und ging es der Gründerin allerdings nicht nur um weibliche Erotikprodukte analog zum männlichen Porno. Vielmehr steht das Female Empowerment im Vordergrund. “Rethinking sexual wellness for women” lautet das Motto und soll zugleich einen gesellschaftlichen Diskurs über weibliche Sexualität anregen. Dafür wurde das Unternehmen 2020 von Bits and Pretzels als bestes Startup in der Kategorie Health & Wellbeing ausgezeichnet.

 

Datengetriebene Erotik

 

Der Erfolg von femtasy kommt nicht von ungefähr. Nina Julie Lepique und ihr späterer Co-Founder Michael Holzner haben sich bewusst für Audio entschieden, da nach Studien Frauen mehr über ihre Fantasie agieren. Männer hingegen bevorzugen visuelle Medien.

Bevor es überhaupt in Finanzierungsrunden ging, wurde mit 1500 verschiedenen Frauen geredet, Stimmen und Aufnahmen getestet und evaluiert. Diese Datenerhebung findet auch jetzt noch statt, natürlich mittlerweile in einem größeren Umfang. Mit 300 von den Userinnen arbeitet femtasy eng zusammen, um das Angebot weiter zu optimieren. Zudem dürfen die Nutzerinnen über neue Stimmen abstimmen.

 

Zunächst war es eine ganz schöne Herausforderungen an Menschen zu gelangen, die bereit waren ihre Stimme für erotische Hörspiele zu Verfügung zu stellen. Lepique erzählte in der ersten Staffel vom K5 TV, dass sie von Schauspielschule zu Schauspielschule gegangen ist, um bereitwillige Leute zu finden. Mittlerweile würde sie so viele Bewerbungen erhalten, dass sie mit dem Anhören gar nicht mehr nachkommen würde. 

 

Investor Angels und Founders Squad

 

Erst mit den erhobenen Daten und dem dadurch herauskristallisierendem Erfolg ging Nina Julie Lepique in Investorengespräche. So hatte sie nicht nur die Vision von femtasy zu präsentieren, sondern handfeste Daten und das Potenzial dahinter vorzuweisen. Zu den Angel Investoren gehören unter anderem trivago-Gründer Rolf Schrömgens und Thomas Bachem, Code University Chef. Letzter empfahl Lepique Accelerator Mitglied bei Entrepreneurs Organization zu werden, was die Founderin als Gamechanger für ihr Unternehmen empfindet. Der Austausch mit anderen Gründer*innen hätte sie enorm weitergebracht. Auch der Input der Angels wäre unbezahlbar, weshalb Lepique sich bewusst für Investoren entschieden hat.

 

In Lea-Sophie Cramers Founders Squad ist sie ebenfalls Mitglied, wo sie aktuell lernt, nicht nur Unternehmerin, sondern auch Chefin zu sein. Denn femtasy wächst rasant. Innerhalb eines Jahres ist die Mitarbeiterzahl von familiären 7-8 Personen auf Mitte 20 angestiegen und es wird weiter nach Personal gesucht.

 

Ganz hoch hinaus

 

Mittlerweile hat femtasy eine Millionen Plays pro Monat zu verbuchen. Auch wenn die Founderin über genaue Zahlen schweigt, wird der jährliche Umsatz auf einen einstelligen Millionenbetrag geschätzt. Wenn man aktuellen Studien glaubt, kann man davon ausgehen, dass der Umsatz weiter in die Höhe gehen wird. Der Sexual Awareness Markt wird 2024 schätzungsweise auf 39 Mrd. Dollar weltweit dotiert. Daher stehen die Zukunftspläne von femtasy auf Internationalisierung. Neben Hörbüchern in deutscher Sprache, wird seit letztem Jahr auch Englisch angeboten. Französisch soll folgen. Ziel ist es, ein Produkt für den Massenmarkt zu werden und aus der Nische herauszukommen.

 

Den Awards und Auszeichnungen zu urteilen, sollte das Nina Julie Lepique mit femtasy gelingen: Vergangenes Jahr wurde dem Unternehmen vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie der Publikumspreis für das digitale Startup 2020 verliehen. Außerdem wurde die Gründerin bei der DACH- Forbes-Liste 30 under 30 gelistet, was einem Ritterschlag gleich kommt. Und die erste Auszeichnung in diesem Jahr lässt auch nicht lange auf sich warten: Von Emotion wurde Lepique kürzlich der Award “Gründerin des Jahres 2021” verliehen.

 

Eine Inspiration für jedefrau 

Nina Julie Lepique zeigt, dass Alter, Geschlecht und Branche keine Hürden sein müssen, wenn man mit Passion und Plan arbeitet. Sie hat die Nische Erotikprodukte für Frauen erkannt und für sich genutzt. Zusätzlich hat Lepique einen Diskurs über das Selbstverständnis der weiblichen Sexualität in Gang gebracht und vielen Frauen zu mehr Wohlbefinden verholfen. Und das nicht nur durch die erotischen Hörspiele, sondern weil sie als junge Frau ein datengetriebenes Unternehmen in einer männerdominierten Branche mit Erfolg leitet. 

 

 

 

 

Von Lena-Maria Stahl

 

 

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