Amazons gigantische Logistikambitionen

Amazons gigantische Logistikambitionen

Amazon baut seit einigen Jahren an allen Stellen der Logistikkette eigene Dienste und Services auf. Wie einst bei AWS werden diese Logistikdienste für den ‚internen‘ Gebrauch gebaut; und gleichzeitig so konzipiert, dass sie künftig auch extern angeboten werden können. Amazon baut also eine Logistik auf, für die Amazon selbst der erste und beste Kunde ist, aber bei weitem nicht der einzige. Das ist naheliegend: Jeder Marktplatzanbieter nimmt mit wachsender Größe ambitioniertere Serviceleistungen für die eigenen Marktplatzverkäufer ins Angebot. In der Regel ist das für alle Beteiligten eine win-win-Situation: Die Marktplatzhändler können Dinge aus der Hand geben, die von anderen besser erledigt werden, während die Marktplatzanbieter Erlösströme hinzugewinnen.

Besonders im Logistikbereich sorgen hohe, fixe Anfangskosten und Skaleneffekte dafür, dass Marktplatzbetreiber wie Amazon und Zalando natürlich ganz andere Strukturen aufsetzen können, als der Nischenonlinehändler oder -hersteller, der auf diese Marktplätze setzt. Im Detail ergeben sich dann natürlich wachsende Machtasymmetrien, wenn ein Marktplatz, wie aktuell der Amazon Marktplatz, zunehmend an Reichweite gewinnt und so Konditionen diktieren kann.

Gleichzeitig bieten sich bei dieser Arbeitsteilung riesige Marktchancen für alle Beteiligten. Arbeitshypothese: Der Logistiksektor wird künftig von den Logistikarmen der Marktplatzanbieter dominiert werden.

Vor diesem Hintergrund werfen wir einen Blick auf die verschiedenen Aktivitäten von Amazon an der Logistikfront, um ein Gespür dafür zu bekommen, wo die Reise hingeht und wie weit Amazon bereits vorangekommen ist.

Warum das wichtig für den Onlinehandel ist: Die Logistikambitionen von Amazon stecken die natürlichen Grenzen des Amazon Marktplatzes ab. Ein Amazon Marktplatz, der abhängig von DHL und co. bei der Zustellung bleibt, ist ein anderes Angebot als ein Amazon Marktplatz, der auf ein Bouquet an Logistikangeboten aus dem Hause Amazon setzen kann, die exakt für die Bedürfnisse des Onlinehandels entwickelt wurden. Sprich: Ein von den Fesseln der beschränkten Paketbegeisterung von DHL und co. befreites Amazon kann noch einmal ganz andere Dynamiken entfalten; mit den entsprechenden Implikationen.

Oder noch einmal anders: Ein Amazon mit einer eigenen, vollständig abgebildeten, vollständig funktionsfähigen Logistikkette ist ein Amazon auf Speed.

Amazons eigene ‚Global Supply Chain‘

Anfang 2016 berichtete Bloomberg über interne Pläne bei Amazon ein globales Logistik-Geschäft aufzubauen. Die intern getaufte “Global Supply Chain by Amazon” sollte laut Bloomberg (Zusammenfassung hier) Ende 2016 starten. Einen offiziellen Start mit Pressemitteilung und Feier gab es bis heute nicht.

Also doch nix gewesen? Mitnichten. Amazon baut dieses globale Logistik-Geschäft natürlich längst auf. Mit zum Teil immensen Investitionen.

Seit mindestens 2015 arbeitet Amazon mit unabhängigen Kurieren in Märkten wie den USA zusammen. Ebenfalls seit 2015 betreibt Amazon in den USA sein Luftfracht-Programm in einer ersten Iteration.

Im Februar diesen Jahres wurde bekannt, dass Amazon 1,49 Milliarden US-Dollar in den Ausbau eines eigenen Air Hubs, also einen eigenen Flughafen für die Frachtflugzeuge, investiert. Der Hub ist seit April diesen Jahres im Einsatz. Die geleasten Flugzeuge fliegen unter dem Prime Air-Banner, unter dem Amazon auch seine Drohnen-Aktivitäten zusammenfasst und bewirbt.

Globale Player mit globalen Marktplätzen bauen ihre eigene globale Logistik auf

Frachtflugzeuge sind natürlich hervorragend geeignet, um Verkäufern aus einem Land, sagen wir aus China, eine unkomplizierte Möglichkeit zu geben, in andere Länder zu verkaufen. Genau dafür möchte Amazon die Frachtflugzeuge auch einsetzen.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Logistikanstrengungen von Alibaba zu sehen. Alibaba hat vor ein paar Tagen mit dem Investment in die eigene Tochter Cainiao bekannt gegeben, 15 Milliarden US-Dollar in den Aufbau eines „globalen“ Logistik-Netzwerks zu stecken. Alibaba und JD.com sind beide mehr als genug beschäftigt, den Chinesischen Markt logistisch zu erschließen. Aber für einen Marktplatzanbieter wie Alibaba bietet eine Verbindung aus chinesischem Inland und Ausland Netzwerkvorteile: Chinesische Hersteller und Händler, die mit Alibaba nicht nur den chinesischen Markt sondern auch ausländische Märkte bedienen können, sollen in Alibaba den besten Geschäftspartner finden. Umgekehrt gilt das gleiche für Amazon: Chinesischen Sellern und Herstellern die Welt außerhalb Chinas zu öffnen, kann Amazon einen Weg in den chinesischen Markt eröffnen. Denn wer einmal auf dem Marktplatz ist, kann überall  verkaufen, egal in welchem Land…

eBay hofft zum Teil auf cross-border commerce für sein künftiges Wachstum aber es ist offensichtlich, dass vor allen anderen Playern Amazon und Alibaba die großen Gewinner des globalen Teils des Onlinehandels sein werden. (Damit keine Missverständnisse aufkommen: Hier entsteht ein riesiger Markt, der in dieser Art vorher nicht existierte und der neben den Großen auch Platz für Neuankömmmlinge wie Wish schafft. Aber das umfasst auch künftig nicht den gesamten Handel. Ein signifikanter Teil des Handels ist und bleibt lokal, regional, national. Food ist eine offensichtliche, aber nicht die einzige Kategorie.)

Neben Flugzeugen ist deshalb auch Freight Forwarding für Containerschiffe ein wichtiges Thema. Alibaba, das die “Future Infrastructure for Global Commerce” bauen will, reserviert seit geraumer Zeit Platz auf Schiffen für seine Seller. Auch bei Alibaba steigen die Konflikte an zwischen den Dienstleistern, wie kleineren Freight Forwardern, für die Alibaba ein großer Kunde sein kann, und der künftig mit ihnen konkurrierenden Logistikoperation, die Alibaba selbst begonnen hat aufzubauen.

Amazon hat seit 2016 traditionelle Lizenzen für das Forwarding von Containerplätzen auf Frachtschiffen, um diese chinesischen Verkäufern anzubieten, die auf dem US-Markt verkaufen wollen. Noch betreibt Amazon keine eigenen Frachtschiffe. Unter der chinesischen Amazon-Tochter Beijing Century Joyo Courier Service Co. hat Amazon Anfang des Jahres begonnen als Dienste sortieren, etikettieren und den LKW-Transport zusätzlich anzubieten.

Von hier ist es nicht mehr weit bis zu einem Fulfillment-Angebot, das Ende-zu-Ende-Logistikdienstleistungen anbietet, die für jeden interessierten Marktplatzverkäufer den globalen Transport vom Lagerhaus bis zum Kunden abdecken. Das ist das ambitionierte Ziel von Amazon. Und dafür braucht es unterschiedlich ausgerichtete Dienste, um alle Einsatzzwecke nachhaltig abdecken zu können.

Seller Flex: Der Klebstoff, der alle Last-Mile-Dienste von Amazon und anderen zusammenhalten wird

Vor einigen Tagen hat Bloomberg über einen neuen Logistikservice von Amazon berichtet. Dieser Dienst ergibt erst im Gesamtbild der Logistikbemühungen von Amazon Sinn. Der neue Dienst, intern Seller Flex genannt, ist bereits seit zwei Jahren in Indien im Einsatz. Bloomberg hat nun erfahren, dass Amazon diesen Dienst seit einiger Zeit gegenüber einigen US-Onlinehändlern bewirbt.

Mit Seller Flex übernimmt Amazon die Frage, welcher Dienstleister die Pakete vom Warenlager zum Kunden bringt. Das kann UPS und FedEx und hierzlande DHL sein, aber auch einer der Amazon-Dienste. Der Verkäufer übergibt diese Entscheidung Amazon. Gleichzeitig bekommen die (Amazon-Marktplatz)-Kunden mehr Produkte, die per kostenfreier Zwei-Tage-Zustellung bei ihnen ankommen.

Im Grunde ist Seller Flex vergleichbar mit Fulfillment by Amazon (FBA), das auf deutsch „Versand durch Amazon“ heißt. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Waren dafür nicht in einem Fulfillment Center von Amazon liegen, sondern im Lager des Verkäufers.

Seller Flex liegt also zwischen dem sehr zentralen Ansatz von FBA (siehe weiter unten mehr über FBA) und dem Ansatz, alles ‚selbst‘ zu organisieren. Bei Seller Fulfilled Prime können Verkäufer das begehrte Prime-Siegel bekommen, obwohl sie für den Versand nicht auf Amazon setzen. Schafft man den für Prime notwendigen schnellen Versand, kommt man auch ohne Amazon-Lagerhausnutzung ins Prime-Programm. Händler, die mit Seller Fulfilled Prime arbeiten, setzen dafür logischerweise auf UPS, FedEx, DHL. Bei Seller Flex übernimmt Amazon die Entscheidung, wer für die Zustellung eingesetzt wird.

Das kommende Seller Flex ist ein wichtiges Puzzlestück, weil es die Verbindung zwischen allen Amazon-Lieferdiensten und den externen Diensten darstellt. Amazon braucht diese Organisationsebene, die alles einbezieht (und miteinander konkurrieren lässt), um das effizienteste Logistik-Gesamtprogramm bieten zu können.

 

Amazon Flex: Das Uber für die Zustellung auf der letzten Meile

Amazon Flex

Amazon Flex ist der Dienst für die letzte Meile im Uber-Stil: Einzelne Personen können mit Flex für Amazon Lieferungen zustellen. Amazon Flex wird seit 2016 kontinuierlich in den USA ausgeweitet.
Im Zuge von Prime Now ist Amazon Flex im letzten Jahr bereits in Großbritannien gestartet. Jetzt sucht Amazon auch in Deutschland „Lieferpartner“ für Amazon Flex. Von der offiziellen Seite:

„Sie besitzen einen gültigen Führerschein, verfügen über ein Auto und haben Lust auf einen Zusatzverdienst? – Als selbstständiger Lieferpartner von Amazon bringen Sie unsere Päckchen und Pakete (bis 23 kg) zu Amazon Kunden in Ihrer Nähe, und das an bis zu sechs Tagen pro Woche. Wann genau, das bestimmen Sie.

So funktioniert es

  • Sie entscheiden selbst, an welchen Tagen und zu welchen Uhrzeiten Sie die Bestellungen ausliefern.
  • Wir garantieren Ihnen einen festen Betrag pro Lieferblock, z. B. ab 32 €* für zweistündige Lieferblöcke.
  • Das sollten Sie wissen: Als Lieferpartner üben Sie eine selbstständige Teilzeiterwerbstätigkeit aus, mit der Sie sich etwas dazu verdienen können. Die Liefermengen variieren von Woche zu Woche.
  • Start: in den nächsten Wochen. Wir informieren Sie in einer Willkommens-E-Mail, wann und wie es für Sie losgeht.“

Bereits Anfang September liesen Stellenanzeigen von Amazon für das Management von Flex darauf schließen, dass es bald los geht.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass Amazon Flex zunächst ebenfalls dort startet, wo Amazon auch bereits Prime Now verfügbar gemacht hat; also in Berlin und München. Amazon Flex ergibt ebenso wie Prime Now vor allem erst einmal dort viel Sinn, wo eine hohe Bevölkerungsdichte eine hohe Bestelldichte sicherstellen kann. Flex ist außerdem eine hervorragende Unterstützung für Prime Now, das langsam zum lokalen Marktplatz wächst. Die Zukunft von Flex im Amazon-Gebilde muss man auch in Verbindung mit Whole Foods, Amazon Go und Amazon Fresh bedenken. Ein “Nahversorger” wie Amazon hat einen hohen Bedarf an flexiblen Service-Dienstleistern.

 

Was Amazon Flex und Seller Flex im Verbund für den Onlinehandel bedeuten können

Die Namensgebung mag noch verwirrend sein, aber Amazon Flex entfaltet sein Potential erst in Verbindung mit dem geplanten Seller Flex: Über Seller Flex kann Amazon zentral zuteilen, ob Einzelpersonen über Amazon Flex, lokale Kurierdienste, die für Amazon arbeiten oder DHL und co. die beste Option darstellen. Automatisiert und über APIs (Programmierschnittstellen).

Im Verbund mit Flex und co. wird damit auch die Gefahr für DHL, die durch Seller Flex entsteht, deutlich: Mit dieser automatisierten Organisationsebene atomisiert Amazon die Wahl des Zulieferers. DHL und co. haben künftig Vereinbarungen mit Amazon Seller Flex, nicht mehr mit Marktplatzhändler XY. Zuschläge bekommen sie nur, wenn sie die aktuell beste Option darstellen. Da die Marktplatzhändler von Amazon in der Masse für einen signifikanten Paketumsatz sorgen, werden sich auch die größten Logistikdienstleister kaum lange dagegen verwehren können. Die Logistiker werden also unter einen noch stärkeren Preis-/Leistungsdruck geraten.

Hier wird auch deutlich, welche Dynamiken sich bei Amazon durch diese fortschreitende vertikale Integrierung mittelfristig ergeben: Über Amazon bekommen die Marktplatzhändler Zugang zu einem reichhaltigen Fundus an Logistikoptionen, die dank Nachfragedruck gegenüber den Logistikern auch günstiger sein werden als würden sie ohne Amazon Logistikverträge abschließen. (Was wiederum dazu führen wird, dass möglichst alle Zugeständnisse, die ein FedEx oder DHL gegenüber dem Amazon-Komplex machen wird, auch außerhalb verfügbar sein wird. Der Onlinehandel gewinnt ein kleines bisschen als ganzes.)

Mehr als die Preisfrage ist aber die Leistungsfrage diejenige, die hier heraussticht: Ein System, das automatisiert zwischen Einzelpersonen, lokalen Kurierdiensten und großen Dienstleistern wechselt, ist ein System das besser als die einzelnen eben genannten Akteure die Problemlösung abdecken können.

Sprich also, wenn es für mich als Händler Sinn ergibt, in der einen Situation auf einen lokalen Kurierdienst zu setzen, in der anderen Situation aber schnell auf einen Flex-Lieferer, in einer anderen wiederum aber auf DHL, dann bin ich mit Amazons Logistikorganisation besser beraten weil die Standardlösung DHL auf all diese unterschiedlichen Situationen nur die immer gleiche Schablone auflegen kann.
Zusätzlich könnte Amazon über Seller Flex bei Engpässen bei den klassischen Kurierdiensten die Honorare bei Amazon Flex anheben, um die Pakete doch noch zugestellt zu bekommen. Stichwort Weihnachten. (Vergleichbar mit dem nachfragegetriebenen Preismodell bei Uber.)

Zur Verdeutlichung: Amazon baut das Google News, für das DHL, Hermes und co. die Medien sind.
Man darf die Größe und Komplexität dieses Vorhabens nicht unterschätzen. Die Marktchancen sind riesig, aber Amazon wird noch einige Jahre brauchen, um das System zu perfektionieren. Vielleicht auch länger als „einige“.

 

Nach der letzte Meile kommen die letzten Meter: Amazon Locker und Hub

Wie Jochen Krisch auf Exciting Commerce schreibt, liegt Amazon in Deutschland mit aktuell 180 Locker-Automaten noch weit hinter den laut Geschäftsbericht (PDF) „rund 3.000 Packstationen“ von DHL. In den USA betreibt Amazon mittlerweile 2.000 Locker in 50+ Städten.

Mit der Locker-Offensive, für die Amazon neben Aldi, Edeka, Shell & Co. nun auch dm gewinnen konnte, wird eine Aufholjagd beginnen, die nichts Gutes für das in Sachen Paketzustellung genügsame DHL bedeuten könnte.

In einem Kommentar auf Exciting Commerce wird gut zusammengefasst, warum Packstationen für Amazon (und jeden anderen Auslieferer) sinnvoll sind:

Zentrale Packstationen sind leicht verdientes Geld, da man auf einen Schlag 20-50 Pakete abliefern kann statt 50 Haushalte + Nachbarn abzufahren.

Der Kostenunterschied beträgt Tag und Nacht. Die DHL-Packstationen waren ein guter Anfang, aber sie wurden nicht ambitioniert genug vorangetrieben in den letzten Jahren.

Mit dem Hub hat Amazon im Juli diesen Jahres ein weiteres Locker-System für Wohnhäuser vorgestellt. Der Hub ist Amazons Äquivalent zum Paketkasten von DHL und dem ParcelLock von Hermes, DPD und GLS.

Wie Amazon seine Hubs angeht, macht deutlich, dass dem Unternehmen die Schwierigkeit sehr bewusst ist, diese Automaten in die Wohnhäuser zu bekommen. Amazon macht seine Hubs offen für alle Versender und Händler. Amazons Hub ist also näher an ParcelLock als am Paketkasten. Wie wichtig der Hub für Amazon ist, sieht man zum einen an dieser Öffnung für alle (die den Widerstand in der Branche gering halten soll und es schwer macht, Argumente gegen den Hub zu finden) und zum anderen am Design der Locker. Der Hub hat zwar das Amazon-Lächeln, aber der Amazon-Schriftzug fehlt.

Amazon Hub Locker

Mittelfristig stellt der Hub also eine weitere Konkurrenz für Paketkasten und ParcelLock dar. Ein einzelnes Unternehmen kommt mit solchen kostenintensiven Initiativen in der Regel schneller voran als ein Kommittee. DHL und Amazon haben also einen Vorteil gegenüber ParcelLock. Amazon hat den zusätzlichen Vorteil, dass es den eigenen Marktplatz als Hebel nutzen.

Langfristig könnten die Hubs zu einem zweischneidigen Schwert für den Onlinehandel werden. Schlichte Lieferungen mögen für alle offen sein und bleiben. Aber was Amazon zusätzlich an Services auf eine große Verbreitung der Hubs aufsetzen kann, wird dann Amazon und seinen Marktplatz-Händlern vorbehalten bleiben. Die Hubs können für Retouren genutzt werden. Mit Hubs fällt die Notwendigkeit der Paketverpackung weg (stattdessen kann der vertikal integrierte Marktplatz/Logistik-Handelsdienstleister mit wiederverwertbaren Behältern arbeiten, das spart Kosten bei Amazon und (viel wichtiger) Nerven beim Kunden). Auch gekühlte Einschub-Einheiten für Amazon Fresh sind eine naheliegende Weiterentwicklung.

Vielleicht sind Hubs in allen Wohnhäusern doch etwas überambitioniert. Überambitioniert gibt es für Amazon nicht. Aber was Amazon auszeichnet als Organisation, ist der Ansatz, mehrere Wege zum gleichen Ziel zu testen. Bei den Logistikanstrengungen des Onlineriesen zeigt sich das auch für Außenstehende deutlicher als an anderen Stellen.

Bereits vor zwei Jahren hat Amazon in München angefangen, gemeinsam mit Audi und später Daimler zu testen, wie man Pakete in Kofferräumen abgeben könnte. In den USA testet Amazon jetzt mit dem Startup Phrame, einem Hersteller smarter KFZ-Kennzeichen, wie diese Lösung weiterentwickelt werden könnte.

Für Amazon gibt es hier zweierlei Einsatzzwecke: Zum einen, Pakete in den Kofferräumen der Autos der Kunden abgeben. Zum anderen, Pakete in den Kofferräumen der Autos von Flex-Arbeitern abzulegen.
Türschlösser, wie Pakete in der Wohnung abgegeben werden können, auch wenn die Kunden nicht da sind.

Desweiteren arbeitet Amazon an einem smarten Türschloss, das Lieferanten einmaligen Zugang zur Wohnung zum Ablegen von Paketen geben soll. (Jüngst hat erst Walmart eine Kooperation mit dem selben Ziel mit dem Startup August verkündet.)

Wie so oft, kommt Amazon auch hier das populäre Amazon Prime zu gute. Die meisten, wenn nicht alle, neuen Lieferoptionen werden zunächst exklusiv für Prime-Kunden zur Verfügung stehen. Da Prime-Kunden einen erheblich höheren Umsatz pro Jahr machen als reguläre Kunden, kann Amazon an dieser Stelle innovativ mit Quersubventionen arbeiten. Sprich: Amazon wird smarte KFZ-Kennzeichen, die einen Zugang zum Kofferraum ermöglichen, und smarte Türschlösser stark subventioniert Prime-Kunden anbieten. Je bequemer, desto höher die Einkauffrequenz. Prime-Kunden sind bereits Vielbesteller.

 

Wenn Lagerhäuser automatisiert werden

Amazon öffnet aktuell regelmäßig neue Fulfillment Center. Allein für die USA plant Amazon 23 neue Lagerhäuser oder Erweiterungen bestehender Lagerhäuser und hat 100.000 neue Jobs über die nächsten 18 Monate verkündet. Und auch auf die Frage, was denn mit all den Einkaufszentren passieren soll, die immer unattraktiver werden und schließen müssen, hat Amazon eine Antwort: Amazon fängt an, Fulfillment Center da zu bauen, wo vorher Einkaufszentren standen.

Amazon Robotics

In den Lagerhäusern von Amazon arbeiten heute 100.000 Kiva-Roboter unter dem Amazon Robotics-Label neben 350.000 Menschen. Die Automatisierung der Warenhäuser bringt enorme Kosteneinsparungen mit sich. Strategisch interessant sind aber andere Folgen der Automatisierung. Lagerhausautomatisierung hat bei Amazon die durchschnittliche “Click to Ship”-Zeit von einer Stunde auf 15 Minuten verringern können. Erst die Automatisierung etwa macht die Bestückung eines Angebots wie Prime Now machbar.

Interessant ist auch der Platz-Aspekt: Ein Mit Kiva-Robotern ausgestattetes Warenhaus kann 50% mehr Waren pro Quadratmeter vorrätig halten, was allein zu einer Kostenverringerung von 20%(!) geführt hat. Interessanter ist aber die Frage, wie die effizientere Platznutzung zur Veränderung der Warenhäuser selbst führen kann. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Amazon mittelfristig beginnt, viele relativ kleine, voll oder nahezu voll automatisierte Warenhäuser errichtet. Diese könnten vor allem auf Prime Now und den täglichen Bedarf ausgerichtet sein. Warenhäuser, die Amazons Aufgabe als Nahversorger übernehmen, und alles in ihrem Bestand bei Wunsch innerhalb von einer Stunde zum Kunden bringen können. (Auch hier ist wieder entscheidend, nicht was ein einzelnes kleines automatisiertes Warenhaus liefern kann, sondern wie das System als ganzes aussieht: Also, was ein Netzwerk an Warenhäusern ermöglicht, die auf unterschiedliche Aufgaben ausgelegt sind, und welche in ein Logistiksystem integriert sind, das diverse Nutzungsszenarien optimal abdeckt.)

 

Das Prime-Schwungrad als Logistikhebel

Wir hatten oben bereits die Bedeutung von Amazon Prime bei der Errichtung neuer Services bei Amazon angedeutet. Es ist, wie bereits mehrfach ausgeführt, wichtig, Amazon als ein vielfältiges System wahrzunehmen, bei dem unabhängig voneinander erscheinende Dienste sich gegenseitig helfen. Amazon Prime ist der zentrale und wichtigste Hebel, den Amazon hat. Mit Prime hält Amazon in den USA und auch in europäsichen Märkten den Zugang zu attraktiven Haushalten in seiner Hand. Wer Prime-Abonnent ist, hat sich qua Gebühr bereits als Online-Vielbesteller geoutet.

Amazon Prime hat diverse Effekte, die für weite Teile des Handels besorgniserregend sein sollten. Wer Prime-Kunde ist, tendiert dazu, Preise außerhalb des Amazon-Marktplatzes nicht mehr zu prüfen. Für Prime-Kunden, mehr noch als für reguläre Kunden, wird Amazon langsam aber sicher die Shoppingsuchmaschine und löst damit Google ab.

Das heißt, es gibt erste Bevölkerungsschichten, die fast nur noch über Amazon erreicht werden können. Oder, und das läuft am Ende auf‘s Gleiche hinaus, man kann sie anderenorts erreichen, aber sie wollen nur noch bequem über Amazon kaufen.
Warum? Weil sunk costs kein allgemein in der Bevölkerung verankerter Begriff ist und weil Prime an vielen Stellen auch einen schnellen, auch kleinteiligen, kostenlosen Versand bietet, den man so nicht in dem Umfang anderenorts vorfindet.

In Verbindung mit der Buy Box hat Amazon hier brutale Konditionen für Händler geschaffen. Wer in der Buy Box ist, kommt zum Zuge, alle anderen de facto nicht. Amazon ist dank der Buy-Box-Dynamik für die Marktplatzhändler quasi wie eine Suchmaschine, die nur ein Suchergebnis ausspuckt.

Das heißt, Marktplatzhändler tun alles, um in die Buy Box zu kommen. Für Prime qualifiziert zu sein, ist dafür ein wichtiger Faktor. Das ist alles von Amazon so gewollt: Je härter die Buy Box umkämpft ist, desto eher sind die Seller bereit, zähneknirschend auf Marge zu verzichten. Dieser Verzicht fließt dann zum einen in Amazons Taschen, in Form von Fulfillment by Amazon (FBA), eine gute Zusammenfassung zu FBA findet man hier. Zum anderen aber, und das ist für das Gesamsystem Amazon (und dessen Nachhaltigkeit) noch wichtiger: Die zähneknirschend gemachten Ausgaben kommen den Kunden zu gute. Egal, ob ein Seller sich für FBA oder Seller Fulfilled Prime entscheidet, wer auf Amazon bestellt wird schnell beliefert. Mit Seller Fulfilled Prime muss der Verkäufer selbst sicherstellen, dass er den hohen Anforderungen von Prime-Lieferungen gerecht werden kann. Für Amazon heißt das: Mehr bequem schnelle Lieferungen für die Prime-Kunden.
Der Marktplatz als ganzes wird kundenfreundlicher (und händlerunfreundlicher).

Aber warum dann mitmachen? Das bringt uns noch einmal zurück zu den Prime-Kunden. Die Marge pro Verkauf mag sinken, aber der Gesamtumsatz und -gewinn dürfte in der Regel, wenn man alles richtig macht, steigen. Es gibt immer wieder Berichte von Verkäufern, die mit dem Wechsel zu Seller Fulfilled Prime etwa ihre Verkäufe auf Amazon um 20 Prozent steigern konnten. Da höhere Verkäufe höhere Chart-Positionen und mehr User-Bewertungen bedeuten (welche sich alle wiederum auf die Suchpositionierung auf Amazon auswirken), hat das eine Sogwirkung über die einzelnen Verkäufe hinaus.
Amazon hat mit Prime den Zugang zu der einen Seite (den attraktiven Kunden), den die andere Seite (Verkäufer) unbedingt will.

Wenn Amazon das Prime-Angebot über FBA und Seller Fulfilled Prime mit Seller Flex, Amazon Flex, Locker, Hub und Lieferung in Wohnung oder Kofferraum noch umfassender bequemer macht, steigt die Attraktivität von Amazon Prime für die Kunden weiter.
Die Einzigartigkeit von Amazon Prime in Verbindung mit dem Marktplatz ist eine höchst gefährliche oder höchst spannende Mischung, je nach Blickwinkel.

Die Zukunft

Patentanmeldungen von Amazon sorgen seit geraumer Zeit für Schlagzeilen. Wenig verwunderlich: Amazon meldet phantastisch anmutende Konzepte im gefühlten Wochentakt an. Alle Patente haben etwas mit den oben vorgestellten Initiativen gemeinsam: Sie zeichnen das Bild eines Unternehmens, das fest entschlossen ist, jeden vorstellbaren Weg zu erkunden, über den man als Händler Kunden beliefern kann.

Dazu zählen fliegende Warenhäuser in Zeppelin-Form, von denen aus Drohnen die Haushalte beliefern. Dazu zählt auch, dass die Shuttles und Drohnen in einer Art Mesh-Netzwerk Informationen wie Wetter und Windgeschwindigkeit untereinander austauschen.

Amazon Patent Drohnen mit fliegendem Lagerhaus

Ein weiteres Patent sieht vor, Drohnen für einen Teil ihrer Reise auf Trucks oder Bussen zu parken.

Amazon hat sich außerdem ein System patentieren lassen, das vorsieht, mehrere Drohnen zu vereinen, um größere Pakete auszuliefern.

Amazon Patent Drohnenkollektiv

Kleinere Pakete sollen dagegen im Flug von der Drohne gelöst werden und zu Boden gleiten. Oder vielleicht doch Drohnen mit Teleskop-Armen für die Landung. Oder vielleicht doch ein Versandetikett mit eingebautem Fallschirm. Auf jeden Fall müssen sich Drohnen gegen Angriffe schützen können.

Alle vorstellbaren Wege: Wer per Luft und Land zustellen will, der will auch unterirdisch zustellen; und lässt sich die Idee vorsichtshalber patentieren.

Amazon Patent für unterirdische Lieferung

Amazon hat auch Pläne für selbstfahrende Automobile.

 

Fazit

Es ist nicht nur wahrscheinlich, sondern quasi gegeben, dass wir bei diesem groben Überblick über die Logistik-Initiativen von Amazon nicht alles erfasst haben. Amazon baut ein globales Logistiksystem auf, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Entscheidend sind zwei Erkenntnisse:

Erstens, die Geisteshaltung bei Amazon sollte nach der Lektüre mehr als deutlich geworden sein. Amazon verfolgt alle Wege und Mittel, mit welchen die gesamte Logistik des Onlinehandels besser umgesetzt werden kann. Das Paket muss zum Kunden, Punkt. Auch die Stoßrichtung wird deutlich: Nimmt man alles zusammen, erscheint es nicht nur als wahrscheinlich sondern als unausweichlich, dass Amazon in wenigen Jahren eine Logistikmacht darstellen wird.

Zweitens, die Logistikanstrengungen dürfen nicht losgelöst vom Rest von Amazon betrachtet werden. Amazon ist kein ‚gewöhnlicher‘ Onlinehändler, der begonnen hat, immer mehr in der Logistik selbst zu übernehmen. Amazon hat mit dem Marktplatz und mit Amazon Prime zwei sehr große, und größer werdende, Hebel, um Logistikdienste voranzutreiben. Tatsächlich gibt es auf den westlichen Märkten keinen vergleichbaren Player.

Schaut man sich vor diesem Hintergrund an, was etwa Zalando und Alibaba als Marktplatzbetreiber Richtung Logistik unternehmen, stellt sich folgende spannende Frage: Werden führende Marktplatzbetreiber und führende Logistikdienstleister in wenigen Jahren eins sein? War es eine kurzlebige Anomalie, dass Marktplatz und Logistik voneinander getrennt waren?

Wer den Marktplatz organisiert, ist prädestiniert auch die Logistik zu organisieren. Logisch, oder?

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